Birgit Macele, EMBA-Dozentin

Aus Fehlern lernen: Diese Vorteile bietet eine konstruktive Unternehmenskultur

Eine bewusste Fehlerkultur kann Unternehmen nach vorne bringen und ein offenes Innovationsdenken ermöglichen. Vor allem in Deutschland wird das darin liegende Potential oft noch unterschätzt, weiß EMBA-Dozentin Birgit Macele, die auch als freie Beraterin und Trainerin arbeitet. Im Interview verrät sie, warum der konstruktive Umgang mit Fehlern so wichtig ist und wie man diese aktiv nutzen kann.

Was zeichnet die deutsche Fehlerkultur aus?
Birgit Macele: Das es keine gibt. (lacht). Das stimmt natürlich nicht so ganz. Aber vielleicht liegt der Kern der Wahrheit in dem Wort „Kultur“. Kultur braucht Zeit, um sich zu entwickeln, um angenommen und gelebt zu werden. Das ist ein langer Prozess. Das eigentliche Potential dahinter wird oft nicht erkannt. Wir Deutschen haben ein spezielles Verhältnis zu Fehlern und das ist auch bis heute in vielen Unternehmen deutlich sichtbar. Ich glaube, die Deutschen möchten sich öffnen, wissen, dass sich etwas verändern muss. Aber die meisten möchten zugleich auch nicht diejenigen sein, die den ersten Schritt machen.

Warum ist der konstruktive Umgang mit Fehlern innerhalb von Unternehmen besonders wichtig?
Weil es die Chance birgt, aus Fehlern ein Wissen zu ziehen, das man ganz vielen zur Verfügung stellen kann. In dem Moment, wo jemand einen Fehler macht, wird der Einäugige zum Sehenden. Er ist vielleicht der Einzige, der sieht, weil er den Fehler gemacht hat, aber er kann die anderen so auch zu Sehenden machen. Das führt letztendlich zur Fehlervermeidung und motiviert vielleicht auch zum offenen Gespräch darüber. Wir müssen aufhören, es Fehler zu nennen. Fehler tun immer weh, man muss sich für Fehler schämen, war unzulänglich und hat Minderwertigkeitsgefühle. Genau aus diesem Grund brauchen wir meiner Meinung nach auch einen konstruktiven Umgang damit.

Wie kann man die Fehlerkultur aktiv nutzen, um das Unternehmen nach vorne zu bringen?
Inwieweit sich Unternehmen eine Fehlerkultur leisten können, muss individuell aufgesetzt und entschieden werden. Wer sich dafür entscheidet, muss schon in der Kommunikation von Führungskraft zu Mitarbeiter etwas verändern. Denn wenn Führungskräfte zugeben, dass sie Fehler machen und darüber offen sprechen, legt das den Grundstein für ein neues Selbstverständnis innerhalb des Unternehmens. Alle Mitarbeiter müssen aber auch wissen, dass ihre Fehler keine oder vielleicht sogar gemeinsam abgestimmte Sanktionen zur Folge haben. Wichtig ist es also, einen Vertrauensraum zu schaffen. Aber auch der Wissenstransfer in andere Abteilungen oder zu Kooperationspartnern hin muss sicher gestellt sein. Denn nur so kann der Fehler-Pool optimal genutzt werden. Das ebnet möglicher Weise den Weg für ein offenes Innovationsdenken innerhalb des gesamten Unternehmens.

Inwiefern lernen die Studierenden an der EMBA etwas über das Thema Fehlerkultur?
In meinem Modul „Unternehmensführung“ thematisiere ich das Thema Fehlerkultur nahezu permanent. Ich fordere die Studierenden auf, sich zu trauen, Ideen und Konzepte zuzulassen, auszusprechen, quer zu denken. Sie sollen ihre Ideen bewusst auch ruhig ohne Filter in die Gruppe geben können. Nur so kann vielleicht ein anderer einen Gedanken darauf aufsetzen und die Idee weiterentwickeln. Mir geht es an dieser Stelle vorrangig um die Ressource Gruppenwissen, weniger um die Richtigkeit des Inhalts. Ich versuche die Studierenden immer wieder stark darin zu ermutigen, durchaus bewusst Fehler zu machen, etwas auszusprechen, was nicht fertig gedacht ist. Sie sollen lernen, die Gedanken als eine Bereicherung zu sehen, auch wenn sie möglicher Weise erst einmal absurd daher kommen. Viele Studierende, die direkt von der Schule kommen, haben sehr große Angst, Fehler zu machen. Es liegt ein großer Auftrag darin, kommunikativ und auch menschlich während des Studiums einen Raum zu schaffen, der eine Fehlerkultur möglich macht.

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